Zu dunkel für den Pass

Ich bin in Burundi geboren, kam in den 70er Jahren mit meiner Mutter nach Deutschland und lebe seitdem hier. Neue Bekannte schwärmen von meinem akzentfreien Deutsch. Das ist allerdings keine sonderliche Leistung, schließlich bin ich hier in den Kindergarten, in die Schule und zur Uni gegangen. Auch wenn sich Deutschland, oft wie mein Zuhause anfühlt, werde ich immer wieder daran erinnert, dass ich für meine Umwelt oft wie ein Fremdkörper wahrgenommen werde.
In diesem Fall ging es darum, dass ich meinen Personalausweis beantragen musste und dafür ein biometrisches Passbild brauchte. Dazu ging ich in eine dieser Fotokabinen, die damit werben Passbilder für alle behördlichen Zwecke anzufertigen und ging mit diesen Fotos in das Bürgeramt.

Die Frau hinter dem Schreibtisch nahm das Passbild entgegen, schüttelte den Kopf, murmelte unverständlich vor sich hin, seufzte mehrmals und ging zu ihrer Kollegin am Nebentisch. Diese warf einen Blick darauf und reagierte ähnlich.

Irgendetwas stimmte offenbar nicht mit meinem Passfoto. Klar, es gibt durchaus gelungenere Fotos von mir, aber für derart mißlungen habe ich es nicht eingeschätzt. Die Sachbearbeiterin kam zu mir zurück. „Ich muss sehen, was sich da machen lässt“, meinte sie mit einem besorgten Ton und ging wieder. Ich kam mir seltsam vor. So, als sei ich ein besonderer Fall von … ja von was eigentlich?

Sie kam wieder zurück und sagte, „wir sollen es halt mal versuchen“. Damit gab sie mir verschiedene Dokumente, die ich ausfüllen sollte, während sie sich mit dem Einscannen meines Passfotos beschäftigte. Schließlich wandte sie sich mir zu und sagte bedauernd, „dass meine Hautfarbe halt das Problem ist“. Mein Passbild sei zu dunkel und das Programm könne daher das Foto nicht bearbeiten. Der Sachbearbeiterin war das sichtlich unangenehm und suchte Zuflucht in dem Argument, dass diese alten Fotokisten halt nicht den biometrischen Anforderung entsprächen.

Vielleicht hätte ich schon beim Studieren der von der Bundesdruckerei erstellten Fotomustertafel für biometrisch korrekte Passfoto misstrauisch werden sollen. Dort werden nur weiße Menschen gezeigt. Auf die Sitzhöhe achten, Check! Nicht grinsen, Check! Den Kopf gerade halten, Check! Gesicht nicht verdecken, Check! Hautfarbe aufhellen? Kein Check!

Die Sachbearbeiterin riet mir dann, zu einem Fotografen zu gehen, der könne ja die Belichtung entsprechend anpassen. Von einem Bekannten erfuhr ich später, dass er das Gleiche schon vor fünf Jahren erlebt hatte. Mit demselben Passbildautomaten und im selben Bürgeramt. Handelt es sich hier um einen Fehler im System oder um ein fehlerhaftes System?

Mit gemischten Gefühlen bin aus dem Amt gegangen und sah mich einem Problem gegenüber. Wie komme ich an das erforderliche Passbild, ohne mich dabei einer zweifelsohne diskriminierenden Praxis unterzuordnen. Ich habe nicht nur erlebt, dass ich für den behördlichen Alltag, im wahrsten Sinne des Wortes nicht der weißen Norm entspreche. Nein, in diesem Fall geht es ja um eine systematische und standardisierte Abwertung meiner Hautfarbe. Seit 2005 besteht in Deutschland die Pflicht, für amtliche Dokumente ein biometrisches Passbild vorzulegen. Wie also kann es sein, dass 10 Jahre später in einer 300.000 Einwohnerstadt eine Software eingesetzt wird, die nicht dafür vorgesehen ist, ein Foto eines nicht weißen Menschen zu bearbeiten? Auf Nachfrage bei der Softwarefirma und dem zuständigen Bundesministerium für Inneres, werde ich nur abgewiegelt und weitergeleitet.
Etwas später stellte sich dann Wut ein. Wut auf ein System, das vorgibt, Menschen eben nicht aufgrund ihrer Herkunft und ihrer äußeren Erscheinung zu benachteiligen, auszuschließen, abzuwerten und zu demütigen. Doch die Realität sieht anders aus. Diese Geschichte entlarvt eine vermeintlich diskriminierungssensible Bürokratie, in der nicht weiße Menschen „Too Dark To Be Seen“ sind. Ich habe mich dazu entschieden, sichtbar zu sein und starte daher die gleichnamige Kampagne.
Meinen Pass habe ich mittlerweile bekommen, eine Freundin hat dass Passfoto aufgehellt. Beim zweiten Besuch im Bürgeramt wurde das Passbild ohne weiteres aktzeptiert. Schade, vorher habe ich mir besser gefallen.

Zusatzinfos zur Kampagne:

Es wird eine bundesweite Kampagne starten, die Erlebnisse mit Behörden und Institutionen von People of Color sammelt und sichtbar macht. Interessierte People of Color können einen kurzen Text mit einem diskriminierenden Erlebnis aus ihrem Alltag schicken an: tdtbs@riseup.net. Gerne kann auch ein Passbild in Überbelichtung angehängt werden. Nach Rücksprache wird der Text auf dem Blog „2 Dark 2 Be Seen“ veröffentlicht.
Ziel soll sein, stattfindende Diskriminierung offen sichtbar zu machen und eine Vernetzung zwischen den betroffenen Menschen herzustellen, um vor Ort aktiv dagegen angehen zu können.

Dieser Artikel ist am 13. Juli auch im MIGAZIN erschienen: hier